Für einen nutzungs-, deutungs- und entwicklungsoffenen Garten

Anregungen für ein Verständnis von ‚partizipativem öffentlichem Raum’ in Bezug auf den Hofburggarten Brixen

Gastkommentar des M.Sc. Sozial- und Wirtschaftsgeographie Robert Guschel

Der Hofburggarten ist das Herz der Stadt Brixen. Diese Vorstellung ergibt sich zumindest aus einem nicht ortskundigen Blick auf Brixen von Oben. Tatsächlich liegt er zwar in Mitten der Stadt, hat jedoch funktional, sozial und kulturell nur sehr wenig mit der Stadtgesellschaft zu tun. Die Stadt Brixen pachtet seit einigen Jahren (2008) den Hofburggarten, mit der Absicht ihn zu entwickeln und einer Nutzung zuzuführen. Erstmals seit 700 Jahren bestünde so die Möglichkeit das Herz der Stadt zum schlagen zu bringen und diesen der Bürgerschaft zukommen lassen zu können – in Form eines öffentlichen Raums.

Doch was ist unter öffentlichen Räumen zu verstehen? Was sind qualitative und funktionale Kennzeichen des öffentlichen Raums? Der Beitrag skizziert ein Verständnis von öffentlichem Raum, in dem neben den physischen, vor allem die soziokulturellen und symbolischen Dimensionen von Raum und Öffentlichkeit betont werden. Jenes Verständnis wird dann auf mögliche Entwicklungsziele des Hofburggartens übertragen. Abschließend wird der Frage nachgegangen, wie sich ein angedachter André Heller Garten in diesem Kontext bewerten lässt.

Kennzeichen und Bedeutung des öffentlichen Raums

Es gibt schier unendlich viele Definitionen des öffentlichen Raums. Was alle öffentlichen Räume, über definitorische Grenzen hinweg, vereinen mag, ist die für jede/n freie Zugänglichkeit. Tatsächlich ist die (weitestgehend) uneingeschränkte Zugänglichkeit die prioritäre Eigenschaft, um überhaupt von einem öffentlichen Raum sprechen zu können. Doch über diese Eigenschaft hinaus, befindet sich der genuine Kern dieser Räume in seiner Rolle als Ort von Öffentlichkeit.

»Public space is the stage upon which the drama of communal life unfolds. The streets, squares and parks of a city give form to the ebb and flow of human exchange […] « (Carr et.al. 1995, S. 3)

Wie Carr et.al. herausstellen, erschließt sich öffentlicher Raum vor allem in seiner soziokulturellen Funktion als Bühne des lokalen öffentlichen Lebens. Auch im digitalen 21ten Jahrhundert ist gesellschaftliche Interaktion und Aushandlung an konkrete Räume gebunden. Gerade urbane öffentliche Räume haben eine zentrale Bedeutung für die Formation von Gesellschaft und Bürgerschaft. Damit verbirgt sich in diesen Räumen ein enormes Potential für die stadtgesellschaftliche Entwicklung, dies gilt im besonderen Maße auch für den Hofburggarten in Brixen.

Das Verhältnis Mensch und Raum ist wechselseitig und unterliegt permanenter Veränderung. So erhalten Räume ihre Qualität nicht allein aus ihrer Gestalt per se, sondern aus ihrer Nutzung, Geschichte, kulturellen Bedeutung, symbolischen Einschreibungen usw. Anders gesagt: Nur gelebte öffentliche Räume sind wertvolle identitätsstiftende öffentliche Räume.

Doch wie bringt man einen öffentlichen Raum – konkret den Hofburggarten – zum Leben und welche Dimensionen der ‚Öffnung’ gilt es zu berücksichtigen?

Den Hofburggarten Brixen öffnen

Die Öffnung des Hofburggartens sollte drei sich einander bedingende Aspekte betreffen:

Nutzungsoffenheit

Ein Entwicklungskonzept des Hofburggartens muss zwingend auch mit einem Nutzungskonzept verknüpft sein. Jedoch ist es von großer Wichtigkeit, Nutzungsmöglichkeiten nicht zu weit vorauszudenken, sondern hier eine entsprechende Offenheit walten zu lassen. Die Entscheidung, wie der Hofburggarten letztlich genutzt wird, sollte im alltäglichen Leben der BrixnerInnen und nicht von zu sehr von Planern und (Ordnungs)Politikern entschieden werden. Aufgabe der Planung sollte es vor allem sein, über die räumliche Gestalt und städtebauliche Integration, Nutzungen zu aktivieren. Die Größe der Anlage sollte – durch vielfältige Raumstrukturen – dafür genutzt werden, gleichzeitig eine Vielzahl von Nutzungen zuzulassen und Nutzungskonflikte zu minimieren. Wenn es der Hofburggarten schafft die Stadtgesellschaft und auch Touristen in Kontakt zu bringen, Interaktion und Kommunikation herzustellen, so wäre dies eine großer Gewinn für die gesamte Stadt.

(Be)Deutungsoffenheit

Bevor ein Raum genutzt wird muss er gedeutet werden. Die Wahrnehmung von Räumen und die Bedeutung die ihm beigemessen wird ist – trotz soziokulturellem und historischen Kontext – individuell subjektiver Natur. Dass die Bedeutung des Hofburggartens für verschiedene Menschen variieren gilt es zu akzeptieren und Deutungsoptionen nicht zu sehr einzuengen. Ganz gegenteilig gilt: Je mehr symbolische Einschreibungen ein Ort besitzt, um so qualitativer ist dieser – insbesondere in Zeiten zunehmender gesellschaftlicher Diversifizierung. Der Hofburggarten besitzt bereits aufgrund seiner besonderen Rolle in der Geschichte Brixens einen hohen ideellen Wert. Diese Wertigkeit gilt es jedoch nicht einfach nur zu konservieren, sondern in das aktuelle Leben in Brixen zu integrieren und in die Zukunft zu transformieren, also Entwicklung zuzulassen.

Entwicklungsoffenheit

Aus einer Offenheit der Nutzung und Deutung resultiert eine Entwicklungsoffenheit, die für öffentliche Räume meiner Meinung nach elementar ist. Ziel einer Planung muss es sein, einen Möglichkeitsraum für Entwicklung herzustellen. Folgt man der Vorstellung, dass es sich bei den Qualitäten öffentlicher Räume um gelebte Qualitäten handelt, so muss die Maxime heißen: Ermöglichen anstatt Vorzubestimmen. Planerische und politische Arbeit zielt legitimer Weise meist auf weitestgehend ‚fertige’ Konzepte des öffentlichen Raums. Solche Konzepte sollten jedoch nicht zu starr sein und weiterhin gelebte Veränderung zulassen. (Stadt)Gesellschaften verhandeln und verändern sich permanent und ein offener Hofburggarten sollte zum einen Bühne, wie auch Ausdruck, dieser Entwicklung sein.

Zwischenfazit – der Hofburggarten als partizipativer Raum

Spricht man von partizipativen Prozessen bezüglich öffentlicher Räume, so enden auch diese meist mit der Planung bzw. baulichen Realisierung. Aus dem oben skizzierten Verständnis von öffentlichem Raum, in dem sich Raum permanent verhandelt und weiterentwickelt, wird der Raum selbst zu einer Öffentlichkeit und zu einem Partizipationsprozess. Eine Partizipation kennzeichnet dann nicht nur, dass die Bürger diesen mit geplant haben, sondern gemeinschaftlich und performativ weiterleben und damit auf natürliche Art und Weise, von Innen heraus sozial und kulturell entwickeln. In dem Moment wo die brixner Stadtgesellschaft den Hofburggarten verschiedenartig nutzt, belebet, interpretiert, bespricht und entwickelt, wird und BLEIBT er ein zentraler Teil Brixens und seiner Identität.

Bezug zu aktuellen Debatte um einen ‚André Heller Garten’

Entsteht ein André Heller Garten – wie es gegenwärtig zur Debatte steht – so wird dieser wohl nur über Eintrittspreise zu (re)finanzieren sein und damit kein öffentlichen Raum darstellen. Selbst unter der Annahme, dass ein André Heller Garten frei zugänglich wird, ist es schwer vorstellbar, dass allein die Intention und Idee des Gartens, der oben geschilderten Vorstellung von öffentlichem Räumen entspricht.

Die Initiatoren der Kontaktaufnahme mit André Heller verwenden den Künstler um eine bestimmte Idee von Garten zu kommunizieren: Dabei ist nicht wesentlich was André Heller macht, sondern, dass „André Heller“ draufsteht. Damit wird der Hofburggarten in seiner (Be)Deutung und Symbolträchtigkeit in einem erheblichen Maße vorbestimmt. Der in „André Heller“ projizierte Garten wird in den Hofburggarten gesetzt und ist sowohl in seiner physischen Gestalt, wie auch Funktion und symbolischen Dimension ‚fertig’. Fertig im Sinne einer Starrheit, die keinerlei Spielraum zur Veränderung und Entwicklung zulässt. Es ist und bleibt DER „André Heller Garten“, ohne nennenswerten Bezug zu Brixen.

Kunst darf nicht nur selbstreferenziell für sich stehen, sondern sollte auch eingebettet in das gesellschaftliche Leben sein. Besonders performative Kunstformen verstehen es, nicht das – hier im doppelten Sinne – „in sich geschlossene Kunstwerk“, sondern das Ereignis, die Rezeption, die Konfrontation und den Umgang mit Kunst in den Mittelpunkt zu rücken. Die gesellschaftliche Bedeutung von öffentlichem Raum und von Kunst weist diesbezüglich interessante Parallelen auf, die man symbiotisch aufgreifen könnte, um eine künstlerische Bühne für das gesellschaftliche Leben herzustellen. André Heller ist sicher in der Lage einen solchen Garten zu gestalten, nur stellt sich letztlich die Frage, ob sich ein solcher offener Garten mit den Vorstellungen und Absichten der politischen Entscheidungsträger und Interessensverbände deckt.

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